Über den aktuellen Stand informierten Anlagenleiter Bernd Kaiser und Finanzgeschäftsführer Daniel Oehr am Mittwochabend, 28. Oktober 2026, bei einem Kraftwerksgespräch in Grafenrheinfeld. Eingeladen waren Vertreter aus Politik, Kommunen, Behörden und der Region.
Rückbau des Kernkraftwerks erreicht die Halbzeit
Seit dem letzten Kraftwerksgespräch im Jahr 2023 sind auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks zahlreiche wichtige Anlagenteile demontiert worden.
Zu den bereits erreichten Meilensteinen gehören der Rückbau des Reaktordruckbehälters, des Druckhalters, der Hauptkühlmittelpumpen, der Materialschleuse und der Dampferzeuger.
Ein weithin sichtbares Ereignis war die Sprengung der beiden Kühltürme im August 2024. Mit ihrem Verschwinden veränderte sich die Silhouette des Kraftwerksstandorts dauerhaft.
Nach Angaben von Bernd Kaiser sind die Arbeiten inzwischen deutlich vorangeschritten.
„Im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld haben wir inzwischen die Halbzeit des Rückbaus erreicht – sowohl zeitlich als auch bezogen auf die bereits zurückgebaute Masse“, erklärte der Anlagenleiter.
Damit beginne nun die zweite Hälfte der Arbeiten, bei der die Freigabe von Gebäudebereichen und Flächen zunehmend an Bedeutung gewinne.
180.000 Quadratmeter müssen untersucht werden
Eine der größten noch bevorstehenden Aufgaben ist die Dekontamination und Freigabe der Gebäude.
Nach Angaben des designierten Kraftwerksleiters Markus Burger müssen dafür insgesamt rund 180.000 Quadratmeter Fläche gemessen und bewertet werden.
Bei diesen Untersuchungen wird geprüft, ob Gebäudeteile und Flächen die Voraussetzungen für eine Freigabe aus der atomrechtlichen Überwachung erfüllen.
Die Arbeiten sind ein wesentlicher Bestandteil des weiteren Rückbauprozesses und bilden die Grundlage für die spätere Nutzung beziehungsweise den Abbruch von Gebäudestrukturen.
Dampferzeuger sollen im Frühjahr 2027 abtransportiert werden
Auch für die nächsten größeren Arbeitsschritte gibt es bereits konkrete Planungen.
Die ausgebauten Dampferzeuger befinden sich derzeit noch auf dem Kraftwerksgelände. Ihr Abtransport ist für das Frühjahr 2027 vorgesehen.
Bis Mitte 2027 soll außerdem die Demontage des sogenannten Biologischen Schilds abgeschlossen sein. Dabei handelt es sich um eine massive Abschirmkonstruktion, die während des Kraftwerksbetriebs dem Strahlenschutz diente.
Mit dem Abschluss dieser Arbeiten wären nach Angaben von PreussenElektra die wesentlichen Großprojekte der Demontage beendet.
Darüber hinaus sieht die Planung vor, das Notstandsgebäude abzubrechen und ein neues Zugangsgebäude zum Kontrollbereich zu errichten.
Künstliche Intelligenz und Batteriespeicher als mögliche Zukunftsperspektiven
Neben den technischen Fortschritten stand beim Kraftwerksgespräch auch die wirtschaftliche Zukunft ehemaliger Atomkraftwerksstandorte im Mittelpunkt.
PreussenElektra-Finanzgeschäftsführer Daniel Oehr sprach sich dafür aus, frühzeitig über mögliche Nachnutzungen nachzudenken.
Ehemalige Kraftwerksstandorte könnten nach seiner Einschätzung künftig eine wichtige Rolle für Zukunftstechnologien spielen. Als Beispiele nannte er Anwendungen im Bereich künstlicher Intelligenz, Batteriespeicher und Kernfusion.
Dabei geht es dem Unternehmen darum, vorhandene Standortpotenziale langfristig für neue wirtschaftliche Aktivitäten nutzbar zu machen.
Konkrete Investitionsentscheidungen oder verbindliche Ansiedlungsprojekte für den Standort Grafenrheinfeld wurden bei dem Kraftwerksgespräch allerdings nicht bekannt gegeben.
„Wir wollen, dass sich neue Zukunftsperspektiven für PreussenElektra und unsere Standorte entwickeln. Dafür setzen wir auf eine verlässliche Zusammenarbeit mit der Politik und den Institutionen vor Ort“, erklärte Oehr.
Für den Landkreis Schweinfurt stellt sich damit langfristig die Frage, welche wirtschaftliche Rolle das ehemalige Kraftwerksgelände nach Abschluss des Rückbaus übernehmen könnte.
PreussenElektra fordert schnellere Rückbauverfahren
Daniel Oehr zog bei der Veranstaltung auch eine Bilanz der Entwicklung des Unternehmens.
In den vergangenen zehn Jahren habe sich PreussenElektra von einem großen Stromerzeuger zu einem Unternehmen entwickelt, dessen Schwerpunkt zunehmend auf Stilllegung und Rückbau kerntechnischer Anlagen liegt.
Oehr warb zugleich für eine Beschleunigung der entsprechenden Genehmigungs- und Rückbauverfahren.
Die hohen Sicherheitsstandards müssten dabei nach seinen Worten unverändert bestehen bleiben.
Ziel sei es, den Rückbau effizienter voranzubringen und damit auch die Voraussetzungen für neue wirtschaftliche Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen.
Führungswechsel bei PreussenElektra und in Grafenrheinfeld
Mit dem weiteren Fortschritt des Rückbaus stehen auch personelle Veränderungen an.
Zum 1. Januar 2027 übernehmen Daniel Oehr und Bernd Kaiser die Geschäftsführung von PreussenElektra.
Der bisherige Vorsitzende der Geschäftsführung, Guido Knott, und Geschäftsführer Michael Bongartz gehen zum Jahresende 2026 in den Ruhestand.
Daniel Oehr wird künftig neben dem Finanzressort auch als Arbeitsdirektor und Sprecher der Geschäftsführung tätig sein.
Bernd Kaiser, bislang Leiter des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld, wechselt bereits zum 1. November 2026 in die Geschäftsführung. Ab Januar 2027 übernimmt er die Verantwortung für den Bereich Stilllegung und Rückbau. Hinzu kommen die Zuständigkeiten für Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie IT.
Neuer Leiter des Kraftwerks Grafenrheinfeld wird Markus Burger. Als sein Stellvertreter wurde Steffen Pretscher benannt.
Wie geht es am Standort Grafenrheinfeld weiter?
Mit dem Erreichen der Halbzeit beginnt eine neue Phase beim Rückbau des ehemaligen Kernkraftwerks.
Während in den vergangenen Jahren vor allem große technische Komponenten demontiert wurden, stehen künftig die Dekontamination, umfangreiche Messungen und die Freigabe von Flächen und Gebäuden im Vordergrund.
Parallel dazu gewinnt die langfristige Entwicklung des Standorts an Bedeutung.
Ob auf dem Gelände künftig tatsächlich neue Unternehmen, Energiespeicher oder Anlagen für Zukunftstechnologien entstehen, ist derzeit offen.
Fest steht jedoch, dass mit dem weiteren Rückbau schrittweise die Voraussetzungen geschaffen werden sollen, um das ehemalige Kraftwerksgelände nach dem Ende seiner Nutzung als Kernkraftwerk einer neuen Perspektive zuzuführen.
