Freiwilliges Engagement bringt Menschen zusammen, schafft die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können, und kann gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Zugleich bleibe es Aufgabe der Politik, Armut wirksam zu bekämpfen, schreibt Andreas Steppuhn, Vorsitzender von Tafel Deutschland e.V., in seinem Gastbeitrag zum Tafel-Tag 2026.
Von Andreas Steppuhn, Vorsitzender Tafel Deutschland e.V.
Mitmenschlichkeit zeigt sich oft im Kleinen: in einem offenen Ohr, einer helfenden Hand oder gemeinsam verbrachter Zeit. Gerade in einer Phase, in der viele Menschen Angst vor Armut, Ausgrenzung und gesellschaftlicher Spaltung haben, entsteht daraus eine Kraft, die unsere Demokratie trägt.
Knapp 27 Millionen Menschen engagieren sich laut dem Sechsten Deutschen Freiwilligensurvey in Deutschland ehrenamtlich. Sie löschen Brände bei der Freiwilligen Feuerwehr, trainieren Kinder im Sportverein oder retten Lebensmittel für armutsbetroffene Menschen. Bei den Tafeln sind rund 77.000 Menschen aktiv; 94 Prozent von ihnen arbeiten ehrenamtlich.
Unterschiedliche Gründe für ehrenamtliches Engagement
Die Beweggründe sind vielfältig. Viele möchten nach einem erfolgreichen Berufsleben etwas zurückgeben. Andere suchen Gemeinschaft oder eine sinnvolle Aufgabe. Manche unterstützen ihre Tafel, obwohl sie selbst Lebensmittel von ihr erhalten.
Sie alle machen deutlich: Engagement kennt unterschiedliche Lebenswege – aber ein gemeinsames Ziel.
Tafeln als Orte der Begegnung
Tafeln teilen deshalb nicht nur Lebensmittel, sondern auch Zeit. Über die Jahre sind viele Ausgabestellen zu Orten der Begegnung geworden. Dort kommen Menschen miteinander ins Gespräch, die sich sonst vielleicht nie kennengelernt hätten.
Wer sich auf Augenhöhe begegnet, merkt häufig, wie wenig von den eigenen Vorurteilen übrig bleibt.
Ehrenamt macht den eigenen Beitrag sichtbar
Das Ehrenamt eröffnet außerdem die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können. Gespendete Waren zu sortieren und später die Freude über eine Tüte mit Obst und Gemüse zu erleben, macht den eigenen Beitrag unmittelbar sichtbar.
Diese Selbstwirksamkeit ist auch demokratisch wichtig: Sie zeigt, dass wir unser Umfeld und unsere Gesellschaft gemeinsam gestalten können.
Steppuhn sieht Politik weiter in der Verantwortung
Freiwilliger Einsatz entlässt den Staat nach Ansicht von Steppuhn jedoch nicht aus seiner Verantwortung. Die Arbeit der mehr als 980 Tafeln für rund 1,5 Millionen Menschen mache Armut und soziale Ungleichheit sichtbar.
Aus seiner Sicht seien Reformen notwendig, die das Existenzminimum sichern, bezahlbaren Wohnraum ermöglichen und gleiche Chancen auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe schaffen.
Für die wirksame Bekämpfung von Armut bleibe die Politik zuständig. Beim Zusammenhalt in Nachbarschaften und Gesellschaft seien dagegen alle gefragt.
Der Tafel-Tag am 15. September 2026 stand deshalb unter dem Leitgedanken: „Teilen, um zusammenzuhalten.“
Hinweis der Redaktion: Bei diesem Text handelt es sich um einen Gastbeitrag. Die darin vertretenen Einschätzungen und Positionen geben die Meinung des Autors wieder.
