Noch gibt es weder eine konkrete Planung für Grafenrheinfeld noch eine Bestätigung, dass das ehemalige Atomkraftwerk überhaupt in die gemeinsame Standortprüfung aufgenommen wurde. Allerdings verfügt das Gelände über mehrere Eigenschaften, die grundsätzlich für eine solche Nutzung interessant sein könnten.
Die Entwicklung wirft zugleich eine wirtschaftspolitische Frage auf: Sollten Stadt und Landkreis Schweinfurt, die Gemeinde Grafenrheinfeld und der Freistaat Bayern jetzt das Gespräch mit PreussenElektra suchen, um mögliche Chancen für die Region frühzeitig zu prüfen?
NVIDIA und PreussenElektra untersuchen neue Nutzung ehemaliger Kernkraftwerke
Wie PreussenElektra am 21. Oktober 2026 mitteilte, soll gemeinsam mit NVIDIA untersucht werden, ob sich ehemalige Kernkraftwerksstandorte für die Errichtung sogenannter KI-Fabriken eignen.
Darunter versteht man besonders leistungsfähige Rechenzentren, die auf das Training und den Betrieb von Anwendungen der Künstlichen Intelligenz ausgerichtet sind.
Solche Anlagen benötigen große Mengen elektrischer Energie, leistungsfähige Datenverbindungen, geeignete Kühlsysteme und ausreichend Platz für umfangreiche technische Einrichtungen.
Ehemalige Kernkraftwerksstandorte könnten dafür günstige Voraussetzungen bieten. Häufig befinden sich dort bereits große Industrieflächen, Anlagen zur Energieversorgung und weitere technische Infrastrukturen.
PreussenElektra bringt bei der gemeinsamen Untersuchung die Kenntnisse über ihre Standorte und deren Rahmenbedingungen ein. NVIDIA soll insbesondere die technischen Anforderungen und mögliche Konzepte für KI-Rechenzentren bewerten.
„Unsere ehemaligen Kraftwerksstandorte verfügen über wertvolle industrielle Infrastruktur und bieten Perspektiven für neue, zukunftsgerichtete Nutzungen“, erklärt Guido Knott, Vorsitzender der Geschäftsführung von PreussenElektra.
Ziel sei es, die Nachnutzung der ehemaligen Industriestandorte mit neuen wirtschaftlichen Perspektiven für die jeweiligen Regionen zu verbinden.
Warum Grafenrheinfeld für ein KI-Rechenzentrum interessant sein könnte
Das ehemalige Kernkraftwerk Grafenrheinfeld befindet sich nur wenige Kilometer von Schweinfurt entfernt. Nach der endgültigen Abschaltung im Juni 2015 begann 2018 der Rückbau der Anlage.
Die beiden markanten Kühltürme wurden im August 2024 gesprengt.
Der Standort könnte nach Abschluss des Rückbaus für neue industrielle Nutzungen interessant werden. PreussenElektra hat bereits ein entsprechendes Standort-Exposé veröffentlicht.
Demnach umfasst das Gelände des Unternehmens insgesamt rund 31 Hektar. Davon werden etwa 26 Hektar als nutzbare Fläche für eine spätere Nachnutzung ausgewiesen.
Direkt neben dem ehemaligen Kraftwerk befindet sich ein Umspannwerk mit 110- und 380-Kilovolt-Ebene. Zudem nennt PreussenElektra eine vorhandene Glasfaseranbindung mit einer Kapazität von maximal zehn Gigabit pro Sekunde.
Allerdings verfügt das Gelände derzeit über keinen aktiven Stromnetzanschluss. Dieser müsste für ein neues Projekt gesondert beantragt und technisch geprüft werden.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die zeitliche Verfügbarkeit. Der konventionelle Rückbau soll voraussichtlich bis Ende 2036 dauern. Eine vollständige Nachnutzung des Betriebsgeländes ist nach bisherigen Angaben ab 2037 vorgesehen. Einzelne Teilflächen könnten möglicherweise früher zur Verfügung stehen.
Grafenrheinfeld bringt damit einige grundsätzliche Standortmerkmale mit. Ob diese tatsächlich für ein großes KI-Rechenzentrum ausreichen, müsste jedoch umfassend untersucht werden.
Was könnte eine KI-Fabrik für den Wirtschaftsstandort Schweinfurt bedeuten?
Sollte Grafenrheinfeld eines Tages als Standort für eine größere KI-Infrastruktur ausgewählt werden, könnte dies erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen auf die Region haben.
Bereits der Bau eines solchen Rechenzentrums wäre mit Investitionen in Gebäude, Elektroanlagen, Kühlung, Datenverbindungen und weitere technische Infrastruktur verbunden.
Davon könnten auch Unternehmen aus Schweinfurt und dem Landkreis profitieren, etwa aus dem Baugewerbe, dem Elektrohandwerk, der Industrie- und Gebäudetechnik sowie dem technischen Dienstleistungsbereich.
Langfristig könnten zusätzliche Arbeitsplätze im Bereich Informationstechnologie, Anlagenbetrieb und Energieversorgung entstehen.
Auch für bestehende Industrieunternehmen in Schweinfurt wären mögliche Kooperationen interessant. Künstliche Intelligenz gewinnt beispielsweise in der industriellen Fertigung, der Qualitätskontrolle, der Automatisierung und bei der Entwicklung neuer Produktionsverfahren zunehmend an Bedeutung.
Eine leistungsfähige KI-Infrastruktur in der Region könnte solche Entwicklungen unterstützen, sofern entsprechende Angebote und Nutzungsmöglichkeiten entstehen.
Allerdings wäre es verfrüht, konkrete Investitionssummen oder Beschäftigungseffekte zu nennen.
Große Rechenzentren können erhebliche Investitionen auslösen, benötigen im laufenden Betrieb jedoch häufig weniger Personal als klassische Industrieunternehmen. Entscheidend wäre deshalb nicht nur die Größe einer möglichen Investition, sondern auch die langfristige Wertschöpfung für Schweinfurt und die umliegenden Gemeinden.
Ist jetzt die Politik in Schweinfurt gefragt?
Die Zusammenarbeit zwischen NVIDIA und PreussenElektra wirft auch die Frage auf, ob die Region Schweinfurt frühzeitig eine eigene Initiative zur möglichen Nutzung des Standorts Grafenrheinfeld entwickeln sollte.
Denkbar wäre beispielsweise, dass Stadt und Landkreis Schweinfurt gemeinsam mit der Gemeinde Grafenrheinfeld und der regionalen Wirtschaftsförderung Kontakt zu PreussenElektra aufnehmen.
Dabei könnte zunächst geklärt werden, ob das ehemalige Kernkraftwerk in die gemeinsame Untersuchung einbezogen wird oder grundsätzlich für eine solche Nutzung infrage kommt.
Sollte sich daraus eine realistische Perspektive ergeben, könnten weitere Schritte folgen.
Dazu gehören insbesondere die Untersuchung der verfügbaren Stromnetzkapazitäten, der Ausbau erforderlicher Datenverbindungen, die Prüfung geeigneter Kühlmöglichkeiten sowie die Klärung planungsrechtlicher und genehmigungsrechtlicher Voraussetzungen.
Auch der Freistaat Bayern könnte bei einer möglichen Standortentwicklung eine Rolle spielen.
Größere Technologieinvestitionen hängen häufig von zahlreichen Faktoren ab, die über die Zuständigkeiten einer einzelnen Gemeinde hinausgehen. Dazu zählen insbesondere die Energieinfrastruktur, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte.
Eine frühzeitige Abstimmung könnte helfen, die tatsächlichen Möglichkeiten des Standorts besser einzuschätzen.
Ob auf politischer Ebene bereits Gespräche im Zusammenhang mit der NVIDIA-Kooperation stattfinden, ist bislang nicht bekannt.
Stromversorgung, Kühlung und Rückbau als Herausforderungen
Trotz der möglichen Vorteile darf nicht übersehen werden, dass die Errichtung einer KI-Fabrik hohe Anforderungen stellt.
Besonders wichtig wäre die Stromversorgung. Leistungsfähige KI-Rechenzentren können einen erheblichen Energiebedarf haben.
Zwar liegt Grafenrheinfeld unmittelbar neben einem großen Umspannwerk. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass die erforderlichen Anschlusskapazitäten für ein solches Projekt verfügbar sind.
Auch die Kühlung der Computersysteme müsste geklärt werden. Die Nähe zum Main könnte zwar Anlass für entsprechende technische Untersuchungen geben, bedeutet aber nicht, dass eine Nutzung von Flusswasser genehmigungsfähig oder wirtschaftlich sinnvoll wäre.
Hinzu kommen Umweltbelange und die laufenden Rückbauarbeiten.
Auf dem Gelände befinden sich außerdem Zwischenlager der BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung mbH. Deren Flächen und Sicherheitsanforderungen müssten bei möglichen Planungen berücksichtigt werden.
Ob Grafenrheinfeld tatsächlich für eine KI-Fabrik geeignet wäre, hängt daher von einer Vielzahl technischer, wirtschaftlicher und rechtlicher Voraussetzungen ab.
Wird Grafenrheinfeld überhaupt von NVIDIA geprüft?
Das ist derzeit die entscheidende offene Frage.
Die Ankündigung von PreussenElektra nennt keine konkreten Standorte, an denen gemeinsam mit NVIDIA KI-Fabriken entstehen könnten.
Auch eine Investitionsentscheidung ist mit der Zusammenarbeit ausdrücklich nicht verbunden.
Damit gibt es bislang keine belastbare Grundlage für die Annahme, dass NVIDIA bereits ein Rechenzentrum bei Schweinfurt plant oder dass Grafenrheinfeld in die engere Auswahl aufgenommen wurde.
Gleichzeitig zeigt die Initiative, dass ehemalige Kraftwerksgelände bei der Suche nach Standorten für neue digitale Infrastruktur grundsätzlich an Bedeutung gewinnen könnten.
Eine Zukunftsfrage für Schweinfurt und den Landkreis
Die Region Schweinfurt steht wie viele traditionelle Industriestandorte vor der Herausforderung, bestehende wirtschaftliche Stärken weiterzuentwickeln und neue Zukunftstechnologien zu erschließen.
Eine mögliche Nutzung des ehemaligen Kernkraftwerks Grafenrheinfeld für KI-Infrastruktur könnte in diesem Zusammenhang eine zusätzliche Perspektive darstellen.
Ob daraus tatsächlich ein konkretes Projekt entstehen kann, bleibt offen.
Dennoch könnte die aktuelle Ankündigung Anlass für eine frühzeitige Standortdiskussion sein.
Sollten die politisch Verantwortlichen in Stadt und Landkreis Schweinfurt sowie in Grafenrheinfeld jetzt aktiv auf PreussenElektra zugehen, um die Möglichkeiten einer KI-Ansiedlung auszuloten?
Eine solche Initiative würde noch keine Investition garantieren. Sie könnte aber klären, ob Grafenrheinfeld überhaupt eine realistische Chance besitzt, bei der Entwicklung neuer KI-Rechenzentren berücksichtigt zu werden.
Fest steht: Mit der Zusammenarbeit zwischen NVIDIA und PreussenElektra bekommt die Frage nach der zukünftigen Nutzung ehemaliger Kernkraftwerksstandorte eine neue Bedeutung. Welche Rolle Grafenrheinfeld dabei spielen könnte, ist noch völlig offen.
