Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger, Vertreter der politischen Gemeinde, Fahnenabordnungen örtlicher Vereine sowie eine Abordnung der Bundeswehr aus Hammelburg nahmen an der Gedenkfeier teil. Für die Infanterieschule war Oberstleutnant Markus Pregitzer, Leiter des Bereiches Unterstützung, anwesend. Die Gemeinde Grafenrheinfeld und die Bundeswehr in Hammelburg verbindet seit mittlerweile 39 Jahren eine Patenschaft.

„Für uns Grafenrheinfelder ist diese Gedenkfeier weit mehr als ein fester Termin im Jahreskalender. Wir erinnern hier an Menschen aus unserem eigenen Ort, an Familien und an Namen, die bis heute in Grafenrheinfeld bekannt sind“, erklärte Erster Bürgermeister Christian Keller.
Bombennacht 1944: 85 Prozent der Gebäude zerstört
Die Nacht vom 24. auf den 25. Februar 1944 zählt zu den dunkelsten Kapiteln der Grafenrheinfelder Ortsgeschichte. Bei den verheerenden Luftangriffen wurden rund 85 Prozent der Gebäude zerstört. 32 Einwohner verloren ihr Leben.
Weitere Menschen aus Grafenrheinfeld starben bereits 1943 bei einem Luftangriff auf Schweinfurt sowie beim Beschuss am 8. April 1945. Insgesamt sind auf dem Gedenkstein die Namen von 38 Menschen verzeichnet, die dem Krieg zum Opfer fielen.
Viele dieser Familiennamen sind bis heute mit Grafenrheinfeld verbunden. Für Bürgermeister Keller macht gerade diese persönliche Nähe die Bedeutung des Gedenkens deutlich.
„Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Hinter jedem Namen stehen eine Familie, Eltern, Kinder, Geschwister, Nachbarn und Freunde. Genau deshalb dürfen wir solche Ereignisse niemals nur als historische Zahlen betrachten.“
Erinnerungen von Zeitzeugen bewahren das Geschehen
In zahlreichen Grafenrheinfelder Familien werden die Erlebnisse der Bombennacht bis heute weitergegeben. Eltern und Großeltern berichteten von Fliegeralarm, der Suche nach Schutz in Kellern, Bombeneinschlägen, brennenden Häusern und der verzweifelten Suche nach vermissten Angehörigen.
Eine wichtige Grundlage für die Bewahrung dieser Erinnerungen bilden die umfangreichen Dokumentationen des ehemaligen Dritten Bürgermeisters und Ortshistorikers Dr. Ludwig Weth. Er hielt zahlreiche persönliche Berichte von Zeitzeugen fest.
Die Schilderungen erzählen von verschütteten Menschen, vom Verlust naher Angehöriger und von Bewohnern, die nur knapp dem Tod entkamen.
Ein besonders bewegendes Zeugnis stammt von Juliane Hartmann aus Bergrheinfeld. Sie war während der Bombennacht 16 Jahre alt und hatte sich gemeinsam mit einer Freundin über die Mainbrücke nach Grafenrheinfeld begeben, um den Menschen zu helfen.
Ihre Erinnerungen und die leidvollen Erfahrungen der Kriegszeit verarbeitete sie später in einem Gedicht.
Darin heißt es:
„Sag, Mama, das soll der Friede sein?
Mein Vater kam aus dem Krieg noch nicht heim.“
Auch die Ungewissheit über das Schicksal von Angehörigen wird darin deutlich:
„Die Ungewissheit nagt am Herzen,
es sind die schlimmsten seelischen Schmerzen.“
Besonders eindringlich beschreibt Hartmann das Schicksal einer Mutter, deren vier Söhne an die Front mussten und von denen zwei nicht zurückkehrten.
Immer wieder stellt das Gedicht die Frage:
„Mein Gott, soll das jetzt der Friede sein?“
Für Bürgermeister Keller machen solche persönlichen Zeugnisse das Leid des Krieges greifbar.
„Wenn ein Kind fragt, ob das wirklich Frieden sein soll, obwohl der Vater nicht zurückgekehrt ist, wenn eine Schwester nicht weiß, ob ihr Bruder noch lebt, oder eine Mutter ihre Söhne verloren hat, dann bekommt Krieg ein Gesicht. Genau diese persönlichen Schicksale dürfen wir nicht vergessen.“
Bürgermeister Keller warnt: Frieden ist nicht selbstverständlich
Die Gemeinde Grafenrheinfeld sieht es als wichtige Aufgabe an, die Erinnerung an die Bombennacht an kommende Generationen weiterzugeben.
Viele Menschen, die den Zweiten Weltkrieg noch selbst erlebt haben, sind mittlerweile verstorben. Damit wächst nach Ansicht des Bürgermeisters die Verantwortung, ihre Erlebnisse für die Zukunft zu bewahren.
„Unsere Kinder und Enkel sollen wissen, was hier geschehen ist und wie schnell Frieden und Sicherheit verloren gehen können“, betonte Keller.
Angesichts aktueller Kriege in Europa und anderen Teilen der Welt habe das Gedenken eine besondere Bedeutung. Die Ereignisse zeigten erneut, wie zerbrechlich Frieden sein könne.
„Wir haben über Jahrzehnte erleben dürfen, wie selbstverständlich Frieden für uns geworden ist. Aber Frieden ist niemals selbstverständlich. Er muss bewahrt werden – im Großen zwischen Staaten, aber auch im Kleinen im täglichen Umgang miteinander“, sagte Keller.
Respekt, gegenseitige Achtung und die Bereitschaft, einander zuzuhören, seien wichtige Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben.

Ehrenwache und Kranzniederlegung am Massengrab
Ein besonders eindrucksvoller Bestandteil der Gedenkfeier war die traditionelle Ehrenwache am Massengrab der Opfer der Bombennacht.
Fackelträger des Gemeinderates und der Bundeswehr standen dort stellvertretend für die politische Gemeinde und die Patenkompanie.
„Die Fackelträger am Massengrab setzen ein stilles, aber sehr starkes Zeichen“, erklärte Keller. Sie verdeutlichten, dass die Opfer nicht vergessen seien und ihre Geschichte untrennbar zur Geschichte Grafenrheinfelds gehöre.
Im Rahmen der Gedenkfeier wurden zwei Kränze niedergelegt. Einer im Namen der Gemeinde Grafenrheinfeld und ein weiterer im Namen der Bundeswehr.
Das gemeinsame Gedenken galt den Todesopfern der Bombardierung von Grafenrheinfeld, den Gefallenen und Vermissten beider Weltkriege sowie allen Opfern von Krieg, Gewaltherrschaft, Verfolgung, Gefangenschaft, Vertreibung und Flucht.
Einbezogen wurden auch die Opfer heutiger Kriege und Bürgerkriege sowie Soldaten, Polizisten und Einsatzkräfte, die während ihres Dienstes ihr Leben verloren haben.
Erinnerung als Verpflichtung für kommende Generationen
Zum Abschluss der Gedenkfeier dankte Bürgermeister Christian Keller allen Beteiligten. Sein Dank galt insbesondere der Kirchenmusik, den Fahnenabordnungen der örtlichen Vereine, den Fackelträgern des Gemeinderates und der Bundeswehr sowie den anwesenden Bürgerinnen und Bürgern.
Dass Jahr für Jahr Menschen an der Gedenkfeier teilnehmen, zeige, wie lebendig die Erinnerung an die Bombennacht in Grafenrheinfeld geblieben sei.

„Die Toten können ihre Geschichte nicht mehr selbst erzählen. Wir können es. Und wir werden dafür sorgen, dass die Erinnerung an die Bombennacht und an das Leid des Krieges in Grafenrheinfeld nicht verblasst“, sagte Keller.
Für die Gemeinde ist das Gedenken damit nicht nur ein Rückblick auf die Vergangenheit, sondern zugleich eine Verpflichtung für die Zukunft.
„Wenn wir aus der Erinnerung die Verpflichtung ableiten, uns für Frieden, Freiheit und ein respektvolles Miteinander einzusetzen, dann hat unser Gedenken einen Sinn“, so der Bürgermeister.